Flensburg postkolonial

Über Kolonialgeschichte und frühkapitalistische Globalisierung

Viel Rum, wenig Ehre
– Flensburger Kolonialgeschichte –

Bis 1864 gehörte Flensburg zu Dänemark. Viel Geld verdienten Kaufleute damals mit Produkten aus Dänisch-Westindien, den heutigen Jungferninseln – vor allem durch Zucker, der in Flensburg später zu Rum weiterverarbeitet wurde. Im Flensburger Schifffahrtsmuseum bemüht man sich nun, die koloniale Vergangenheit mit ihren Schattenseiten wie Sklaverei und menschenverachtendem Verhalten besser aufzuarbeiten.

Die Schiffsrouten des Versklavungshandels.

„Das Herzogtum Schleswig – Teil des dänischen Gesamtstaats – Mitte des 17. Jahrhunderts. Eine Zeit, in der Hunger, Armut und Krankheit allgegenwärtig sind. In diese Welt wird Hans geboren – der Sohn eines Bauern…“

„Rummuseum“ heißt der Bereich im Kellergeschoss des Flensburger Schifffahrtsmuseums, in dem Besucher in einer rund viertelstündigen Multimedia-Produktion die Gründung und den Aufstieg einer Flensburger Kaufmannsfamilie nachverfolgen können. Der Rum hat nicht nur die Familie – sondern im 18. und 19. Jahrhundert die ganze Hafenstadt wohlhabend gemacht.

Bis 1864 gehörte Flensburg zu Dänemark und war die drittgrößte Stadt des Königreichs. Viel Geld verdienten Kaufleute damals mit Produkten aus der Karibik – vor allem durch Zucker, der in Flensburg später zu Rum weiterverarbeitet wurde.

Die Jungferninseln liegen am östlichen Rand der Karibik und sind heute Territorium der USA. Die Vereinigten Staaten hatten die drei Hauptinseln St. Croix, St. John, St. Thomas 1917 Dänemark abgekauft. Die Inseln hatten bis dahin den Namen Dänisch-Westindien getragen und auch Flensburg viel Wohlstand gebracht. Dass dieser vor allem auf dem Einsatz von afrikanischen Sklaven beruhte, die unter elenden Bedingungen auf den Zuckerrohrplantagen schuften mussten, wird in dem Video im Schifffahrtsmuseum zumindest erwähnt:

„Das Rohr braucht mehr als ein Jahr zum Wachsen, dann ist es fünf bis sieben Zentimeter dick und muss von uns Sklaven gekappt werden. Am selben Tag bringen wir es zur Zuckermühle, ziehe es durch’s Weizenöl und pressen es aus. Das Zeug verdirbt im Handumdrehen. Was zurückbleibt ist die Melasse.“

Thema Versklavung kam bisher zu kurz
Seit 2012 gibt es im Schifffahrtsmuseum sogar einen eigenen Ausstellungsbereich. Und doch komme das Thema Versklavung bisher zu kurz meint Museumsleiter Dr. Thomas Overdick. Er sagt: Flensburg aber auch Schleswig-Holstein insgesamt haben die Verstrickungen in die Kolonialgeschichte immer noch nicht aufgearbeitet.

„In Flensburg gibt es eine – ich sag mal – dominante Erzählung, die man mit der Überschrift Flensburg ist durch den Handel mit Dänisch-Westindien reich geworden. Das ist die Art und Weise, wie man bis heute mit dem Thema umgeht. Was natürlich auch ein Fakt ist: Wenn Sie heute durch die Stadt laufen, Sie sehen diese wunderbaren Gebäude aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die repräsentieren diese Blütezeit, diese wirtschaftliche Blütezeit Flensburgs sehr, sehr augenfällig. Es manifestiert sich wirklich in der Architektur.“

Auch wenn es heute nur noch zwei Rumhäuser gäbe habe Flensburg weiterhin das Image der „Rumstadt“. Wie positiv dieses Kapitel besetzt sei zeige auch der Name des großen Flensburger Hafenfestes „Rumregatta“, das jedes Jahr um Himmelfahrt stattfinde, sagt Overdick.

Doch mit Mitteln der Kulturstiftung des Bundes soll all dies nun hinterfragt werden. Im kommenden Jahr jährt sich zum 100. Mal der Verkauf der Jungferninseln durch Dänemark an die USA.

„Wir haben uns halt gefragt ob diese Geschichte nicht viel zu kurz erzählt wird. Denn was völlig ausgeblendet wird sind einfach die kolonialhistorischen Zusammenhänge, die überhaupt es Flensburg ermöglicht haben, diesen Status zu erreichen. Und was wir eben in diesem Projekt versuchen, ist tatsächlich das gesamte Bild in den Fokus zu nehmen, wirklich die historischen Zusammenhänge herauszuarbeiten. Einerseits: Unter welchen Bedingungen wurde Zucker produziert – und damit letztendlich auch der Rum. Also, das wir hier im Grunde über ein System von Zwangsarbeit reden, von dem System des transatlantischen Dreieckshandels, der einfach auf dem System der Sklaverei, auf der Verschleppung von Menschen aus Afrika in die Karibik oder auch die verschiedenen Amerikas basierte Prozess der Enthumanisierung von Menschen, Entwurzelung von Menschen, im Grunde etwas, was wir heute ohne Probleme als Menschenrechtsverletzung bezeichnen würden.“

Schätzungen gehen von bis zu 100.000 Afrikanern aus, die vor allem für die Arbeit auf den Zuckerrohrplantangen in der dänischen Karibikkolonie Westindien versklavt wurden. Dort herrschten drakonische Strafen: Folter, Amputationen, die Todesstrafe – all dies war auf den drei Hauptinseln an der Tagesordnung.

Besondere Unterstützung beim Forschungsprojekt erhofft man sich in Flensburg von Dr. Imani Tafari-Ama. Die jamaikanische Kulturwissenschaftlerin ist seit dem Frühjahr in Norddeutschland und wird für eineinhalb Jahre als Kuratorin mitarbeiten. Sie soll vor allem die europäische Geschichtsschreibung „aufbrechen“. Weiter…

Ergänzend ein Interview mit der jamaikanischen Kulturwissenschaftlerin und Kuratorin der Ausstellung in Flensburg sowie Ihr Blog CultureTransfer – KulturTransfer.

[Quellen: Der Text stammt von Johannes Kulms und wurde auf den Seiten des Deutschlandfunks am 04.08.2016 veröffentlicht. Das Interview mit Dr. Tafari-Ama ist auf der Internetseite des Flensburger Schifffartsmuseums unter der Presseberichterstattung verlinkt und mit dem 26.12.2016 datiert. Die Abbildung und das Foto sind dem Blog von Frau Dr. Tafari-Ama entnommen.]


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