bell hooks – Das Patriarchat verstehen

Das Patriarchat ist in unserer Gesellschaft die zerstörerischste soziale Krankheit, die den männlichen Körper und Geist angreift. Trotzdem benutzen die meisten Männer das Wort «Patriarchat» nicht im Alltag. Die meisten Männer denken nie über das Patriarchat nach – was es bedeutet, wie es geschaffen und erhalten wird. Viele Männer in unserem Land wären nicht in der Lage, das Wort zu buchstabieren oder es korrekt auszusprechen. Das Wort «Patriarchat» ist einfach nicht Teil ihres normalen, alltäglichen Denkens und Sprechens. Männer, die das Wort schon gehört haben und es kennen, assoziieren es normalerweise mit der Frauenbewegung, mit dem Feminismus, und tun es daher als für ihre eigene Erfahrung irrelevant ab. Seit über 30 Jahren spreche ich öffentlich über das Patriarchat. Es ist ein Wort, das ich täglich benutze, und oft fragen Männer, die mich hören, was ich damit meine. Nichts macht die alte, anti-feministische Vorstellung, nach der Männer als allmächtig gelten, unglaubwürdiger als deren grundlegende Unkenntnis eines so bedeutenden Aspekts des politischen Systems, das die männliche Identität und Selbstwahrnehmung von der Geburt bis zum Tod formt und prägt. Oft benutze ich die Formulierung «imperialistisches, kapitalistisches, weiss-vorherrschaftliches Patriarchat», um die ineinandergreifenden politischen Systeme zu beschreiben, die die Grundlage der Politik unserer Gesellschaft bilden. Von all diesen Systemen ist das Patriarchat das, welches wir beim Heranwachsen am besten kennenlernen, auch wenn wir das Wort nicht kennen, denn uns werden schon als Kinder patriarchalische Geschlechterrollen zugeordnet und wir werden fortlaufend darüber informiert, wie wir diese Rollen am besten erfüllen können.

Das Patriarchat als System
Das Patriarchat ist ein politisch-soziales System, das darauf besteht, dass Männer von Natur aus dominant sind, allem und jedem, das als schwach angesehen wird, überlegen sind – insbesondere Frauen – und dass sie mit dem Recht ausgestattet sind, die Schwachen zu beherrschen und zu regieren und diese Dominanz mithilfe verschiedener Formen von psychologischem Terrorismus und Gewalt aufrecht zu erhalten. Als mein grosser Bruder und ich mit einem Jahr Altersunterschied geboren wurden, bestimmte das Patriarchat, wie wir jeweils von unseren Eltern wahrgenommen werden würden. Unsere beiden Eltern glaubten an das Patriarchat; ihnen war das patriarchalische Denken durch die Religion beigebracht worden. In der Kirche hatten sie gelernt, dass Gott den Menschen geschaffen habe, um die Welt und alles darin befindliche zu regieren, und dass es die Arbeit von Frauen sei, Männern zu helfen, diese Aufgaben zu erfüllen, zu gehorchen und gegenüber einem mächtigen Mann immer eine untergeordnete Rolle einzunehmen. Man lehrte sie, dass Gott männlich sei. Diese Lehren wurden in jeder Institution, der sie begegneten, bekräftigt – Schulen, Gerichtsgebäude, Vereine, Sportstätten und Kirchen. Wie alle anderen in ihrem Umkreis nahmen sie das patriarchalische Denken bereitwillig an und lehrten es ihren Kindern, denn es schien als sei es eine «natürliche» Art und Weise, das Leben zu organisieren. Als ihre Tochter wurde mir beigebracht, dass es meine Rolle sei, zu dienen, schwach zu sein, frei von der Last des Denkens zu sein, mich um die Pflege und Erziehung anderer zu kümmern. Meinem Bruder wurde beigebracht, dass es seine Rolle war, bedient zu werden, der Versorger zu sein, stark zu sein, zu denken, strategische Überlegungen anzustellen, zu planen und sich zu weigern, andere zu pflegen oder zu erziehen. Mir wurde beigebracht, dass es für eine Frau nicht angebracht sei, gewalttätig zu sein; dies sei «unnatürlich». Meinem Bruder wurde beigebracht, dass sein Wert von seiner Gewaltbereitschaft bestimmt werden würde (wenn auch in einem angemessenen Kontext). Ihm wurde beigebracht, dass es für einen Jungen eine gute Sache sei, Gewalt zu mögen (wenn auch in angemessenen Situationen). Ihm wurde beigebracht, dass ein Junge keine Gefühle ausdrücken solle. Mir wurde beigebracht, dass Mädchen Gefühle ausdrücken können und sollten, oder zumindest einige von ihnen. Wenn ich mit Wut darauf reagierte, dass mir ein Spielzeug verweigert wurde, wurde mir als Mädchen in einem patriarchalischen Haushalt beigebracht, dass Wut kein angemessenes Gefühl für Frauen sei, dass sie nicht nur verschwiegen, sondern gar beseitigt werden solle. Wenn mein Bruder mit Wut darauf reagierte, dass ihm ein Spielzeug verweigert wurde, wurde ihm als Junge in einem patriarchalischen Haushalt beigebracht, dass seine Fähigkeit, Wut auszudrücken, gut sei, aber dass er lernen müsse, geeignete Situationen zu erkennen, um seine Feindseligkeit zum Ausdruck zu bringen. Es sei nicht gut für ihn, seine Wut zu nutzen, um sich den Wünschen seiner Eltern entgegen zu stellen, aber später, als er heranwuchs, wurde ihm beigebracht, dass Wut erlaubt sei und dass die Wut, die ihn zur Gewalt anspornen würde, ihm helfen würde, sein Haus und seine Nation zu verteidigen.

Geschlechterrollen
Wir lebten auf einem Bauernhof, isoliert von anderen Menschen. Unser Verständnis von Geschlechterrollen übernahmen wir von unseren Eltern, indem wir sahen, wie sie sich verhielten. Mein Bruder und ich erinnern uns an unsere Verwirrung im Bezug auf Geschlechterrollen. In Wirklichkeit war ich stärker und streitlustiger als mein Bruder, aber wir lernten schnell, dass dies schlecht sei. Und er war ein sanfter, friedlicher Junge, und wir lernten, dass dies wirklich schlecht sei. Obwohl wir oft verwirrt waren, wussten wir eines ganz sicher: Wir durften nicht so sein und handeln, wie wir wollten; nicht tun, wonach wir uns fühlten. Uns war klar, dass unser Verhalten einem vorgegebenen, geschlechtsspezifischen Drehbuch folgen musste. …weiter

Fortsetzung: Teil 2 und Teil 3.

[Quelle: bell hooks – Das Patriarchat verstehen, Teil 1 vom 01.07.2019 ein Auszug aus ihrem Buch «The Will to Change: Men, Masculinity, and Love». In drei Teilen veröffentlicht in Archipel #283, #284 und #285 online abrufbar über die Website des Europäisches BürgerInnen Forum – forumcivique.org, Abgerufen am 29.08.2020; Verwendung auschließlich für Bildungszwecke/For educational purpose only.]


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