News/Links/Point of View

Von der Gegenwart der Vergangenheit

z.B. beim Lern- und Erinnerungsort Afrikanisches Viertel (LEO) in Berlin-Wedding.

ERINNERN – LERNEN – DEKOLONISIEREN – EMPOWERN

Der Auftrag
Der Ortsteil Wedding hat ein Afrikanisches Viertel, das größte seiner Art in Deutschland. Zwischen 1899 und 1958 wurden die Straßennamen in diesem Quartier im Geiste kolonialer Bestrebungen und Träume nach Orten und Ländern in Afrika benannt. Überdies tragen einige Straßen die Namen von Vertretern des deutschen Kolonialismus, was in den letzten Jahren eine kontroverse Debatte über das Für und Wider von Straßenumbenennungen ausgelöst hatte.

Die Bezirksverordnetenversammlung im Bezirk Mitte hatte daher 2011 einstimmig beschlossen, aus dem Afrikanischen Viertel einen Lern- und Erinnerungsort über die Geschichte des deutschen Kolonialismus, seiner Rezeptionsgeschichte sowie über den Unabhängigkeitskampf der afrikanischen Staaten werden zu lassen. …

Das Ziel
Bei LEO sollte es eben nicht nur um einen „Erinnerungsort“ an deutsche Kolonialpolitik vergangener Zeiten gehen , sondern auch darum, das verborgene Fortleben kolonialer und rassistischer Denkmuster zu entschlüsseln und aufzuarbeiten. Nur so kann ein „Erinnerungsort“ seine Wirkungen als „Lernort“ entfalten. So sollen der deutsche Kolonialismus und seine Auswirkungen heute in unser modernes Verständnis von Demokratie, Menschenrechte und friedlichem Zusammenleben eingebettet werden, wo Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe oder Herkunft keinen Platz mehr hat.

Einbeziehung der Schwarzen Community
LEO unternahm von Beginn an den Versuch, einen Lern- und Erinnerungsort unter Einbeziehung der Schwarzen Perspektive zu gestalten. Dabei ging es nicht darum, eine auf dem Betroffenenstatus beruhende Einbeziehung Schwarzer zu realisieren, sondern die wissenschaftliche Perspektive Schwarzer einzufordern, um so einen Lernprozess zu entfalten, der uns nicht zurückwirft auf eine eurozentrische Perspektive oder einen Pseudo- Antirassismus zelebriert, der tieferen Erkenntnissen im Wege steht.

Bei LEO geht es nicht nur um die Einbeziehung Schwarzer Experten als Gerechtigkeitsanspruch, sondern um ein tieferes Lerninteresse, das über eine Betroffenheit auslösende Erinnerung an vergangenes Unrecht hinausgeht und das Potential hat, einen überzeugenden Beitrag zur Dekolonisierung unserer Gesellschaft und Kultur zu leisten.

Im Projekt wurde ein Fachbeirat eingerichtet, der LEO bei der Auswahl der Projekte und Projektideen beriet. Damit wurde das Ziel verfolgt, die Akteure und Experten der afrikanischen Community auf [A]ugenhöhe mit effektivem Mitspracherecht zu beteiligen und somit deren Erfahrungen und Expertisen einzuholen. …

[Quelle: Die Karte und Textauszüge stammen von der Website vom Lern- und Erinnerungsort Afrikanisches Viertel (LEO) in Berlin. Herausgegeben vom Bezirksamt Mitte von Berlin, Amt für Weiterbildung und Kultur. Inhaltlich verantwortlich Yonas Endrias, Projektkoordinator (Seite aufgerufen am 18.02.2018).]

(Post)koloniale Macht über das Schöne – Wie sich bestimmte Ideale durchsetzen konnten

Was schön ist, ist bekanntlich Geschmackssache. Aber wie wird die individuelle Wahrnehmung von Schönheit geformt? Geschmack ist nichts rein Individuelles, sondern unterliegt vor allem der Definition der jeweiligen Gesellschaften. Schönheit ist eine soziale Konstruktion. Die Kategorie schön ist als Phänomen der sozialen Wirklichkeit stets dynamisch und prozesshaft und kann ständig produziert, reproduziert und verändert werden. Dieses Verständnis hilft uns bei der Suche nach einer Erklärung dafür, warum sich weltweit bestimmte Schönheitsideale durchgesetzt haben.

Schönheitsideale ändern sich. JedeR weiß, dass die Rubensfrauen heute nicht mehr den gängigen Idealen entsprechen würden. Wenn über Schönheit gesprochen wird, über die Einflussnahme auf den eigenen Körper hinsichtlich der eigenen Schönheit, ist eine eindeutige Trennung zwischen sozialen und ästhetischen Veränderungen des Körpers schwierig, da Schönheitsideale stets auch die herrschenden Machtverhältnisse reflektieren. So galt etwa in Europa bis in die 60er-Jahre gebräunte Haut als nicht schön, da sie einen niedrigen Sozialstatus implizierte. Braungebrannt war, wer hart auf dem Land schuften musste. Als es zu einem Zeichen der Besserverdienenden wurde, Ferien am Strand zu verbringen, wurde auch das Merkmal der gebräunten Haut zum Zeichen von Wohlstand und damit immer mehr als schön wahrgenommen. Die edle Blässe verschwand aus den Modemagazinen und unserer Wahrnehmung des Schönen. Ob allerdings allein die ökonomischen Hintergründe erklären können, was wir jeweils schön finden, steht infrage. Denn erweitern wir unseren Fokus auf die weltweit vorherrschenden gängigen Schönheitsideale, bemerken wir eine Struktur, die westlich weiße Vorherrschaft des Schönen aufgrund von (post-)kolonialen Strukturen.

Hugo De Burgos stellt in einem Text über Rassismus und Schönheitsideale fest, dass helle oder weiße Haut, helle Augen, egal ob blau, grün oder grau, sowie blonde, glatte Haare und eine hochgewachsene Statur fast global zu dominanten Schönheitsmerkmalen geworden sind. Sie sind eine eindringliche Inkarnation der kolonialen Macht seit der Invasion und der darauf folgenden Kolonialisierung Amerikas, so De Burgos. Diese Merkmale typischer hellhäutiger EuropäerInnen wiesen vor Jahrhunderten in Lateinamerika ausschließlich die KolonialistInnen auf. Diese physiognomischen Merkmale wurden zu Merkmalen der kolonialen Macht und kolonialisierten das Denken, indem sie Standards für Schönheit setzten. Bis heute, so sind sich viele ForscherInnen sicher, wirken die Merkmale dieser Überlegenheit nach. Ehemals Symbole der kolonialen Übermacht und Vorherrschaft, sind sie unverrückbar als weltweit bevorzugte Schönheitsideale festgelegt.

Eng verbunden mit diesem kolonialen Erbe ist das Konzept der Verbesserung der Rasse (mejorar la raza). Die koloniale Herrschaft beschränkte sich in Lateinamerika nicht nur auf die wirtschaftlichen, politischen, militärischen, religiösen und sozialen Aspekte des Lebens, ihre große Macht bestand auch darin, grundlegende Ansichten der kolonisierten Gesellschaften zu beherrschen. Die Kolonialisierung hat tiefgreifend auf die ästhetische Wahrnehmung und auf die materiellen, sozialen und ideologischen Werte eingewirkt. So hat die Herrschaft auch in den Individuen ihre Spuren hinterlassen und geformt, was persönlich als schön wahrgenommen wird. Ähnliche Beobachtungen haben auch die SoziologInnen John und Jean Comaroff in afrikanischen Ländern gemacht. Sie unterstützen die These, dass die Kolonialisierung der Bevölkerung auch eine Besiedlung des Gewissens vornahm. Die weiße Vorherrschaft zwang Menschen dazu, auf bestimmte Weise zu leben und zu handeln, und eroberte die Macht über das Denken, Sehen und Fühlen. Dieser Aspekt der Kolonialisierung war kein Nebeneffekt oder Kollateralschaden, sondern unterlag vollkommen der Absicht, das Denken zu kolonialisieren. Die Kolonialisten erlegten den Eroberten” Symbole, Praktiken und ästhetische Grundsätze einer weit entfernten Kultur auf.

Die konkreten Folgen dieser Strategie sind bis heute nachweisbar. In den USA wurde in den 40er-Jahren vom Ehepaar Mamie und Kenneth Clark ein bahnbrechendes Ergebnis vorgestellt. Die beiden ersten schwarzen PsychologInnen in der Geschichte der USA zeigten die Internalisierung der rassistischen Wahrnehmung von Schönheit anhand eines Experiments mit Puppen. Selbst unter schwarzen US-AmerikanerInnen, so konnte bewiesen werden, war das koloniale geistige Erbe noch zu spüren. Kenneth und Mamie zeigten Kindern aller Hautfarben zwei Puppen, die sich bis auf die Farbe nicht unterschieden. Eine der beiden sonst identischen Puppen war weiß, die andere dunkelbraun. In dem berühmten Puppenexperiment fragten sie Kinder, welche der beiden schöner sei. Im Jahr 1942 bevorzugten in den USA 72 Prozent der Kinder die weiße Puppe, in einer Wiederholung des Experiments 2009 in El Salvador bevorzugten sogar über 90 Prozent der Kinder die helle Puppe. Die Ergebnisse wurden als Nachweis für die Auswirkungen von institutionellem Rassismus auf Kinder interpretiert, denn fast alle Kinder hatten internalisiert, dass die weiße Puppe die schönere war. Das Ehepaar Clark präsentierte diese erschütternden Ergebnisse nicht nur, sondern war zudem aktiv in der US-amerikanischen Human-Rights-Bewegung. In späteren Wiederholungen erweiterten sie den Fragenkatalog und befragten die Kinder auch hinsichtlich der Wahrnehmung der eigenen Hautfarbe. weiter

[Quelle: Der Aufsatz „(Post)koloniale Macht über das Schöne – Wie sich bestimmte Ideale durchsetzen konnten“ von Anna-Lena Dießelmann erschien in „ila – Das Lateinamerika-Magazin“, Nr. 392 im Februar 2016.]

Stay Woke: The Black Lives Matter Movement

Black organizations of today

Directed by Laurens Grant (USA 2016, 39 min.)

An original documentary film that chronicles the evolution of the Black Lives Matter movement through the first person accounts of local activists, protesters, scholars, journalists and others. This Movement is fighting against police brutality, racism, and all forms of oppression in the african american community.

[Source: On the yt-channel of Manufacturing Intellect published on April 8, 2017]

wandelen – flâner – strolling – schlendern…

(Reihe: Schwar­ze Eu­ro­pä­er_in­nen/Black Eu­ropeans)
In englischer Sprache mit Untertiteln

Die Niederlande haben den Ruf eine tolerante und weltoffene Gesellschaft zu sein. Abdirashid spricht auf einem Spaziergang durch Amsterdam über die Feinheiten und Widersprüche des Selbstverständnisses eines postkolonialen Landes. Welche Bedeutung und Auswirkungen hat dies in der sozialen Interaktion für BPoC-Einheimische und die Zugewanderten? Eine Bestandsaufnahme.

[Source: Eine Folge der grossartigen und sehr sehenswerten Reihe „wandelen/flâner/strolling/passeggiando“ oder einfach bummeln, schlendern, spazieren gehen. Realisiert und herausgeben auf dem yt-Kanal am 08.09.2015 von Cecile Emeke. Great work! Es handelt sich um die Episode 2 gespikt mit den Stichworten zu „black face, black pete, somalia, racialisation of islam, education & more“. Die textliche Einleitung wurde von der ISD Gießen verfasst.]

Each One Teach One (EOTO) e.V.

Serie on black organizations in (contemporary) history

Die „Sisters Poetry“ auf der Eröffnungsfeier der neuen Bibliothek

Erste Schwarze Bibliothek im Afrikanischen Viertel
in Berlin-Wedding


19 Jahre nach ihrem Tod erfüllt sich endlich Vera Heyers Wunsch: Das große Literaturarchiv der Afro-Deutschen wird nun in einer eigenen Bibliothek im Wedding der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. …
Vera Heyer war eine fleißige Frau. Das ist ein großes Glück für das Afrikanische Viertel. Über rund 2.000 Bücher wird die neue Bibliothek verfügen, die der Verein Each One Teach One (EOTO) am Freitag eröffnet. Eine wertvolle Fundgrube an Schwarzer Literatur, von der 1995 im Alter von 48 Jahren ihrer langen Krankheit erlegenen Vera Heyer zusammengestellt. Zeitschriftenartikel, Sachbücher, wissenschaftliche Arbeiten, Biografien und natürlich zahlreiche Romane. Allesamt von Autoren und Autorinnen aus Afrika, von vielen Afro-Amerikanern und auch einigen Afro-Deutschen – und damit von Menschen, deren Perspektive in Deutschland lange Zeit wenig bis keine Beachtung gefunden hat.

EOTO verwirklicht nun Heyers Vision und stellt mit Fördergeldern des Projekts „Lern- und Erinnerungsort Afrikanisches Viertel“ des Bezirksamtes Mitte ihr umfangreiches Archiv in einer eigenen Bibliothek der Öffentlichkeit zur Verfügung.

In diesen mit Büchern bestückten Räumen soll nicht nur still gelesen werden, sondern ein reger Austausch stattfinden. Am besten über Generationen hinweg, das wünscht sich Tina Bach vom Vereinsvorstand. Für sie ist die Bibliothek eine echte Herzensangelegenheit. Hier soll ein Ort der gemeinsamen Wissensbildung und des Erfahrungsaustausches entstehen, wobei die Perspektive der Schwarzen gestärkt, in den Fokus gestellt und in die Mehrheitsgesellschaft getragen wird.

Zum Frühlingsanfang, am Freitag, den 21. März, gibt es die feierliche Eröffnung. Alle Interessierten sind eingeladen, in den Regalen zu stöbern, zu den Lesungen zu kommen, sich selbst einzubringen, neu auszudrücken und einander zuzuhören. Und wer auch fortan nicht vorbeischauen kann, dem stattet das Team vielleicht mal als mobile Bibliothek einen Besuch ab. Tina Bach hat dazu verschiedene Pläne: Sie möchte die Bücher in Schulen und Kindergärten bringen, dort gemeinsam lesen – oder auch mit jugendlichen Vorlesern Altersheime besuchen.

Schreibwerkstatt jeden Mittwoch
Für die Wochen nach der Eröffnung gibt es schon einige feste Termine. Jeden Mittwoch wird eine offene Schreibwerkstatt für Schwarze und People of Color von 13 bis 19 Jahren angeboten. Zusammen mit Bahati Glaß können die Jugendlichen ihre eigene Kreativität entdecken und in schriftlichen Texten, Spoken Word oder Musik und Comics ihre Erfahrungen und Gedanken ausdrücken. In Gedenken an Nelson Mandela wird am 28. März und am 4. April vormittags aus seinem Buch „Meine afrikanischen Lieblingsmärchen“ vorgelesen. Stadtführungen zur Geschichte und Gegenwart des „Afrikanischen Viertels“ sind für den 1. April, den 3. Mai und den 7. Juni geplant.

Wie alles begann
Die Bibliothek bekommt zwar für die Miete Förderung aus dem Topf des Bezirksamtes, das Team arbeitet dort allerdings ehrenamtlich. Auch Vera Heyer erstellte ihr Archiv auf eigene Kosten und neben ihrem Beruf. Sie durchstöberte Antiquariate und Buchläden nach jeglicher Literatur von schwarzen Autoren und Autorinnen. Mit ihrer Sammlung leistete sie einen wichtigen Beitrag für die Bewahrung und die wissenschaftliche Aufarbeitung der Lebenserfahrung schwarzer Menschen. Ihre Bestände waren schon zu ihren Lebzeiten Quellen für diejenigen, die sich etwa in Diplomarbeiten oder Zeitungsartikeln dem Thema widmeten. So bezog etwa die afrodeutsche Poetin und Aktivistin May Ayim viele Informationen aus Heyers Archiv. Damit konnte sie ihre umfassende Arbeit zur Geschichte Schwarzer Deutscher verfassen, ein bedeutendes Grundlagenwerk für die deutsche Forschung.

Nicht nur ihr Beitrag zur Sichtbarmachung schwarzer deutscher Geschichte verband Vera Heyer und May Ayim. Beide schöpften aus der Literatur und aus dem Entdecken ihrer eigenen Geschichte auch viel Kraft gegen den alltäglichen Rassismus und die Diskriminierung, die ihnen widerfuhr. Beide starben viel zu früh. Auf der Beerdigung von May Ayim, die sich 1996 das Leben nahm, lernten sich einige der späteren GründerInnen von EOTO e.V. kennen. Das geistige und materielle Erbe beider afrodeutscher Frauen zündete schon damals die Idee, in Heyers Sinn eine Bibliothek zu eröffnen. Doch erst als dann einige von ihnen ihren Wohnsitz nach Berlin verlegten, konnte das Projekt 2012 in Angriff genommen werden.

Ein anderer Ort kam für die Bibliothek nie in Frage. Berlin war schon immer der Dreh- und Angelpunkt der Bewegung. Die berühmte US-amerikanische Poetin und Theoretikerin Audre Lorde stieß mit ihren Vorlesungen an der Freien Universität ein neues Selbstbewusstsein vor allem der afrodeutschen Frauen an, May Ayim lebte in dieser Stadt und Vera Heyers Archiv lagerte hier in Kisten. Die Sammlung auseinander zu nehmen und schlicht an andere Bibliotheken zu verteilen, habe nie zur Diskussion gestanden.

Am 21. März feiert[e] der Verein „Each one Teach one“ die Eröffnung der Bibliothek in der Müllerstraße 55-58 im Großen Saal des Paul-Gerhard-Stifts mit einem breiten Programm…. Mehr Infos gibt es hier.

[Quellen: Das Video wurde von Akzent TV am 11.11.2016 auf ihrem yt-channel online gestellt. Der Text stammt von Katarina Wagner und wurde am 20.03.2014 auf Tagesspiegel.de veröffentlicht.]